Schimmi ruft…
und die Platanen müssen dran glauben.

Sie tun es wieder! Ein Kettensägenmassaker opfert erneut gesunde Platanen dem Straßenbau und Autowahn. Ein Essay über Bäume, Überflieger und Ignoranz einer Ruhrgebietsstadt
Die christlichen Kirchen veröffentlichen alljährlich Verse aus der Bibel als Sprüche der Woche, des Monats oder Jahres. Ob Politiker, die sich gern christlich geben oder nennen, sie sich jemals zu Herzen nehmen? Jubeln sollen die Bäume, so die Ankündigung der Ankunft des Herrn aus dem Loblied Davids im Alten Testament, war der Monatsspruch für den August 2022.
Die Kirchenmitglieder sterben zwar buchstäblich aus, doch Bäume als Symbol der Schöpfung, als Sinnbild des Lebens und des Glaubens, der Kraft und der Ewigkeit sind nicht nur in der Bibel an vielen Stellen präsent, sie begleiten die Geschichte der Menschheit seit Jahrtausenden.
Zu Jubeln gibt es für die Bäume indes in unserer Zeit herzlich wenig und das ist leider nicht erst so, seit ein schwedisches Mädchen mit ihrem Schulstreik für das Klima eine weltweite Bewegung junger Menschen ausgelöst hat, die mit Recht erwarten können, dass die Schöpfung bewahrt und ihnen als Lebensgrundlage erhalten bleibt. Bereits vor 50 Jahren war das Problem bekannt: Im Jahr 1972 veröffentlichte der Club of Rome, ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern und Vordenkern, den Bericht “Die Grenzen des Wachstums”, damals finanziert von der deutschen Volkswagenstiftung.
Drei Jahre zuvor hatte die deutsche Sängerin Alexandra mit dem Lied “Mein Freund der Baum” einen großen Publikumserfolg, drückte sie doch mit ihrem musikalischen Nachruf auf den Lieblingsbaum ihrer Kindheit, der ‚grauen Mauern‘ weichen musste, ihre Wehmut aus. Viele von uns haben ähnliche, oft liebevolle, Erinnerungen an Bäume. Der ‚saure Regen‘ in den 80er Jahren drohte ein Waldsterben auszulösen und lenkte bereits damals die Aufmerksamkeit auf den Zusammenhang zwischen der Zerstörung der Umwelt und den Abgasen aus Autos und Industrie.
100 km/h der Umwelt zuliebe, stand auf Aufklebern am Heck mancher Autos, auch auf unserem, um den nachfolgenden Fahrzeugen zu signalisieren, dass man sich selbst ein Tempolimit auferlegt hatte, als politisches Statement sozusagen, auch wenn es einem etwas merkwürdig vorkam, mit 100 auf der seinerzeit fast leeren Autobahn zwischen Dortmund und Kassel mitunter von Lastwagen überholt zu werden, die man damals fast liebevoll ‚Brummis‘ nannte und die dank dieser wirkungsvollen Werbung für den Schwerlastverkehr die Bahn schnell im Gütertransport verdrängt hatten.
Heute reiht sich auf der deutschen Handelsroute zwischen Ost und West ein Laster an den Nächsten und meist kann man gar nicht schneller fahren als 100, auch ohne Tempolimit, das wir in Deutschland aber trotzdem, im Gegensatz zu allen unseren Nachbarn, noch immer nicht fertiggebracht haben, obwohl es die schnellste, einfachste und kostengünstigste Art wäre, zumindest einen Teil der Energie zu sparen, deren klimaschädliche Überbleibsel aus dem Auspuff geblasen werden.
Doch nicht einmal die aktuelle Energiekrise, die von Kriegsgewinnlern statt vom Klimaschutz getrieben wird, führt zu einem Umdenken, denn noch immer sind laufende Motoren und Drehzahlen unsere Kennzahlen von Freiheit und Wohlstand.
Als ich 1983 mit dem Bild von rauchenden Schloten und Kohlenhalden im Kopf als Studienanfänger an die damalige Gesamthochschule Duisburg kam, war ich überwältigt vom Grün der Bäume, das mich empfing, als ich von der Autobahnabfahrt am Kaiserberg zur Uni an der Lotharstraße fuhr. Dieser erste Eindruck hatte viel Einfluss darauf, dass ich Duisburger wurde und heute noch bin. Doch was ich damals noch als Wertschätzung Duisburger Denkens und Handelns jedem einzelnen Baum gegenüber wahrgenommen hatte, ist leider schon lange der traurigen Enttäuschung darüber gewichen, wie leichtfertig Bäume in unserer Stadt weichen müssen, wenn sie jemandem im Weg stehen.
Dass es keine Duisburger Regel mehr dafür gibt, ob ein Baum gefällt werden darf, und selbst die zeitlichen Einschränkungen der Brutzeit der Vögel immer wieder aufgehoben oder ignoriert werden, kann man nicht einmal Trauerspiel nennen, denn es ist keine Episode aus der Frühzeit der Öko-Bewegung, sondern leider bitterer Duisburger Ernst im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts.
In unserer Straße in Neudorf-Süd befand sich bis vor wenigen Jahren ein breiter grüner Korridor entlang der Bahntrasse. Kleingärten mit Obstbäumen und große majestätische Kastanien spendeten Schatten und dienten zahlreichen Familien als Ort der Freizeit und Entspannung. Seit die Bahn eine große Fläche davon an einen privaten Investor verkauft hat und dort eine Reihe von Häusern errichtet wurden, hat sich das Klima in der Straße spürbar verändert. Nicht nur, dass vom einstigen Grüngürtel nur noch handtuchgroße Rasenflächen geblieben sind, die sogenannten ‚Vorgärten‘ sind gepflasterte Steinwüsten, die als Abstellraum für Fahrzeuge dienen, mit denen man mit 200 durchs Gelände fahren kann.
Man möchte den Fahrern nachrufen – ja, Gendern ist hier gänzlich unangebracht, denn es sind meist Geschlechtsgenossen, denen das Statussymbol Auto so viel wert ist – man möchte ihnen hinterherschreien, dass die Wüste, in der sie ihren Allradantrieb tatsächlich gebrauchen könnten, bald vor unserer Haustür angekommen sein wird, wenn wir so weitermachen.
Das liegt freilich nicht nur an Autofahrern, sogar zum geringeren Teil, aber unsere Automanie symbolisiert, wie schwer wir uns damit tun, einzusehen, dass es so nicht weitergehen kann. Wir müssen umdenken, und das nicht, weil ein wahnwitziger Kriegsherr uns das Gas abdreht, das wir gern weiter kaufen würden, während wir gleichzeitig auf beiden Seiten Waffen finanzieren.
Wir sollten umdenken, weil wir längst
eingesehen haben müssten, dass unter
unserem westlichen Lebensstil viele Pflanzen, Tiere und Menschen schon jetzt leiden, statt uns zu wundern, dass Menschen zu uns kommen, weil sie in ihrer Heimat keine Lebensgrundlage mehr finden.
Nun kann man nicht erwarten, dass globale Krisen lokal gelöst werden, aber dass man kleine Schritte geht, die vor Ort möglich sind, das kann man schon verlangen.
Duisburger Lokalpolitiker verweigern
hingegen seit Jahr und Tag jedes Umdenken über das Stadtklima in einer Weise, als wäre die Erde keine Kugel, weil sie vom Rathausturm aus flach aussieht. Folglich helfen offenbar weder Dürren noch Stürme, keine Überschwemmungskatastrophe, keine Klimakonferenz, kein Wissenschaftler, sie
aus der Borniertheit zu befreien, in der sie, großmannsüchtig und kleingeistig
zugleich, festzustecken und anzunehmen
scheinen, das globale Klima hätte mit dem lokalen nichts zu tun. Dabei sollte doch das Denken das Handeln bestimmen und nicht umgekehrt.
So haben sie sich also eingerichtet in ihrem Kirchturm, in dem Umdenken keinen Platz und die Bewahrung der Schöpfung keine Lobby hat und von dem aus weiter versiegelt, gefällt und autogerecht planiert wird, wie aktuell wieder an der Wedauer Straße, wo heute, am 18.Februar 2023, 26 Platanen dem Straßenausbau weichen, allen Protesten und Erkenntnissen über das Stadtklima zum Trotz.
Da mutet es beinahe satirisch an, dass auf der “Duisburg ist echt”-Internetseite der Smart City unter der
Überschrift Baumschutz zu lesen ist:
Gerade in Ballungsräumen wie Duisburg sind Bäume ein Stück natürlicher Lebensraum. Sie verschönern das Stadtbild, verbessern bedeutend das Stadtklima und bieten zahlreichen Tieren Lebensraum. Da die seit 1991 bestehende Baumschutzsatzung seit dem 1.1.2016 außer Kraft ist, benötigen Sie zur Fällung Ihrer Privatbäume keine Genehmigung mehr.
Bevor Sie jedoch voreilig einen Baum fällen, sollten Sie bedenken, dass dieser Baum uns und unseren nachfolgenden Generationen von Nutzen ist.
Wedau ist weit weg vom Rathaus, mag man einwenden, und das könnte man so sehen, wären da nicht reichlich Pleiten und Pannen den berühmten Katzensprung vom Rathaus entfernt zu besichtigen, die alle Aufmerksamkeit der Schreibtisch- Holzfäller verdient hätten, bevor man sich an Bäumen in Stadtteilen vergreift. Doch bevor ein Komiker auf die Idee kommt, die
Aufforstung hätte doch schon längst begonnen, nämlich am Marientor Carrée wo sich, 500m vom Rathaus entfernt, die Natur mit einem veritablen Stadtwald die Baugrube eines der Duisburger ‘Vorzeigeprojekte’ zurückgeholt hat, vorher sei an das Platanengemetzel erinnert, das sich 2015 zwischen Hauptbahnhof und Einkaufsmeile Duisburger Kö ereignete, als 30 Platanen unter Polizeischutz gefällt wurden, während das für den Erhalt der Bäume gestartete Bürgerbegehren noch lief. Vollendete Tatsachen schaffen, bevor die Bevölkerung ihren Willen kundtun kann, das muss der smarte Teil der City sein, die sich gern in Anglizismen kleidet.


Das Ergebnis an der Mercatorstraße, wo einst Platanen Schatten spendeten, zeigt der Blick den postmodernen Bürokomplex entlang, dem, ob wir ihn brauchten oder nicht, die Platanen aber nicht einmal im Weg standen. Sie mussten vielmehr – wie ihre Verwandten an der Wedauer Straße heute – dem Straßenausbau weichen, denn sie passten den Planern so gar nicht in ihr neustädtisches Sehnsuchtsbild aus Stein, Glas und Stahl und hätten zudem den Blick auf die beiden Eingänge MERCATOR ONE NORTH und MERCATOR ONE SOUTH versperrt.


No, we’re not in New York nor Singapore nor Abu Dhabi – We’re in f***ing Duisburg, wo jedes dritte Kind in Armut lebt und nicht einmal davon träumen kann, Englisch zu studieren, geschweige denn zu einem dieser fancy Orte zu reisen, denen man im Rathaus nacheifert. Wir sind in Duisburg, wo Schimmi einst im Gleitflug über die Schlote schwebte und “Sch….” rief:
Duisburg ist echt…
