Wundersame Begegnungen

Wenn man umzieht, lässt man immer etwas zurück. Je weiter man sich entfernt, desto mehr bleibt. Innerhalb kurzer Zeit habe ich zwei wundersame Begegnungen mit verloren geglaubter Vergangenheit erlebt. Zwei Freundschaften sind wiederauferstanden.

Wenn man nicht mehr an seinem Geburtsort wohnt, dem Studium, der Arbeit oder der Liebe wegen woanders heimisch wird oder sich gar aufgrund von vielen Aufenthalten an verschiedenen Orten und vielen guten Freundschaften in anderen Gegenden der Welt wohl, ja sogar zu Hause fühlen darf, dann ist das in erster Linie ein Geschenk, auch wenn man natürlich mit jedem Abschied, auch etwas zurücklässt, am Geburtsort sogar besonders viel.

„Abschied ist ein bisschen Sterben“ sagt ein französisches Sprichwort, das man auch auf Spanisch und Italienisch kennt. Umso schöner ist es, wenn ein Stück Vergangenheit wiederaufersteht, weil man nach langer Zeit an einen Ort zurückkommt oder einen Menschen wiedertrifft.

Im Herbst 2020, mitten in der zweiten Corona-Welle, machte meine Liebste eines Abends das, was viele an langweiligen Tagen im Lockdown taten – nämlich Aufräumen. Sie hatte sich einen Schubladenkasten unter dem Schreibtisch in ihrem Arbeitszimmer vorgenommen und sortierte alte Papiere, Texte und allerlei Kram aus. Manche der Schubladen waren so voll geworden über die Jahre, dass sie sie ganz herausnehmen musste, um an alles heranzukommen. Bei so einer Aktion kommt allerhand Vergessenes wieder zu Tage, das war auch dieses Mal so. Gänzlich unerwartet war jedoch ein Briefumschlag, der sich unter einer Schublade in deren Rahmen verhakt hatte.

Der Umschlag trug meinen Namen und die Adresse meines Elternhauses. Sie rief mich hinzu und ich erkannte am Absender sofort, dass der Brief 40 Jahre alt war. Er stammte von meiner früheren Deutschlehrerin an der Fachoberschule, zu der einige Schulfreunde und ich ein sehr freundschaftliches Verhältnis hatten, vielleicht weil wir – anders als unsere Mitschüler – schon eine Ausbildung und Berufstätigkeit hinter uns hatten und ein wenig ‚vernünftiger‘ auf die damals noch junge Lehrerin wirkten. Der Briefumschlag enthielt die Geburtsanzeige ihrer Tochter, die ich nie kennengelernt hatte, und die nun, da ich das Babyfoto wieder in Händen hielt, wohl ihren 40. Geburtstag feiern würde.

Der Fund versetzte mich in Gedanken in die 80er Jahre, die eine Art Zeitenwende für mich waren. Ich schrieb damals Kurzgeschichten und gab sie meiner Lehrerin zu lesen, denn ich hatte das Bedürfnis, Gefühle und Ängste, Widersprüche und Hoffnungen auszudrücken, war politisiert von der Friedens- und Umweltbewegung und der
atomaren Bedrohung der Welt, aber auch beseelt von internationalen Begegnungen und Freundschaften, besonders in Frankreich.


Nach drei Jahren Ausbildung und Arbeit war ich wieder in der Schule und 3 Monate vor meinem Fachabi. Ich wusste schon, dass direkt danach der Wehrdienst beginnen und ich anschließend studieren würde, denn dafür hatte ich nochmal die Schule angefangen. Die nächsten drei Jahre waren also vorgezeichnet.

Noch während der Schulzeit ging ich auf die erste große Auslandsreise meines Lebens, die mich mit drei Freunden einen Monat lang per Interrail durch 8 Länder Süd- und Westeuropas führte. Sie war der Beginn eines Fernwehs, das nie mehr enden sollte. Ich begann, mich als Europäer zu fühlen und ich merkte, welchen Schatz der Englisch- und Französischunterricht in mir hinterlassen hatte, welche Welten sich mir öffneten, die meinen Mitreisenden verschlossen blieben oder von der sie nur über meine Übersetzung eine Ahnung bekamen. Mitten in der eher tristen und lähmenden Wehrdienstzeit sorgte eine zweite lange Europareise für internationale Abwechslung, bevor mich nach der Bundeswehr das Studium ins Ruhrgebiet führte.

Doch auch meine neue Heimat konnte mein Fernweh nicht lindern, nach dem Vordiplom ging es zum Auslandsstudium nach Nordostengland, wo ich nicht nur englische, sondern auch französische und spanische Freunde fand; zu einigen von ihnen riss der Kontakt auch ohne Internet nie ab, die meisten jedoch verlor ich über die Jahre aus den Augen, wie auch meine frühere Lehrerin.

Nachdem ich deren Geburtsanzeige eine Weile in den Händen gehalten und über die Zeit nachgedacht hatte, setzte ich mich an den Schreibtisch und schrieb ihr einen Brief, legte eine Kopie der Geburtsanzeige hinein und hoffte, er möge sie erreichen.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Inzwischen ebenso wie ihr Mann in Pension, wohnte sie tatsächlich immer noch im gleichen Haus und schrieb, wie sehr sie sich gefreut habe, nach so langer Zeit von mir zu hören.
Seit jenem Brieffund schreiben wir uns regelmäßig, zunächst klassische Briefe und inzwischen auch digital, teilen die eine oder andere Geschichte unserer Familien und stellen fest, dass wir, wie schon 1980/81, Geschwister im Geiste sind und viele Dinge ähnlich sehen.

Vor einigen Monaten, im November, waren wir das erste Mal seit Corona wieder in meiner Geburtsstadt, die schon lange nicht mehr meine Heimatstadt, aber trotzdem noch vertraut ist. Nach 40 Jahren haben wir uns zum ersten Mal wiedergesehen, haben einen langen Spaziergang durch den Stadtpark gemacht, über alte Zeiten und neue Herausforderungen gesprochen, zusammen Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. Es war eine Reise in die Vergangenheit mit Freude im Hier und Jetzt.

Die Geschichte dieser wundersamen und freudvollen Auferstehung einer 40 Jahre schlummernden Freundschaft könnte hier enden, doch sie geht weiter, denn ich schrieb meiner alten, neuen Freundin vor wenigen Wochen aus Spanien von einer Begegnung, die noch wundersamer war als der nach langer Zeit wiedergefundene Briefumschlag:

Im Januar und Februar verbrachte ich einige Winterwochen bei unseren spanischen Freunden. Mario und ich waren in den 80er Jahren gemeinsam mit anderen spanischen und französischen Austauschstudenten bei besagtem Studium in England, aber er und ein Franzose in Paris sind die einzigen, mit denen wir es geschafft haben, über all die Jahre Kontakt zu halten. Mein letzter Besuch in Spanien lag nun zwar auch schon mehr als 6 Jahre zurück, aber im Internetzeitalter kann man ja Freundschaften auch über große Distanzen aufrechterhalten.

An einem Freitagabend begleitete ich meinen Freund auf einen langen Spaziergang in die Stadt, er hatte einige Besorgungen zu machen. Der Weg führte uns auch in ein gut besuchtes Kaufhaus, größer als Karstadt und Kaufhof zusammen; das Geschäftsmodell scheint, anders als hier, in Spanien noch gut zu funktionieren. Während er dort in einer Abteilung Formalitäten zur Verlängerung seines Führerscheins zu erledigen hatte, schlenderte ich mit dem absurden Gedanken, vielleicht wäre das auch eine Idee für Karstadt, durch die Auslagen und sah mir auf einem Tisch mit Sonderangeboten Sportschuhe an, als ich plötzlich eine Stimme meinen Namen rufen hörte.


Ich blickte auf und sah eine Spanierin, die mich ungläubig ansah. Ich erkannte Elvira sofort, als ich ihr Gesicht sah, das immer noch das einnehmende Lächeln hatte wie 35 Jahre zuvor, nur die schwarzen Haare waren grau geworden.
Elvira war seinerzeit ebenfalls mit mir in England an der Uni gewesen und wir hatten damals viel häufiger Zeit miteinander verbracht als mit Mario, der nur wenige Monate gleichzeitig mit uns dort war. Trotzdem hatten wir uns später aus den Augen verloren. Doch an diesem Abend war sie nicht nur zur gleichen Zeit am gleichen Ort, sondern sah mich in dem vollen Kaufhaus, erkannte mich wundersamerweise sofort wieder, wusste sogar noch meinen Namen und rief mir zu.

Wir standen eine Weile wie vom Donner gerührt und ungläubig den Kopf schüttelnd. „Es ist ein Wunder“, sagte sie schließlich, denn sie kann sich bis jetzt selbst nicht erklären, wieso sie mich gesehen oder woran sie mich erkannt hat.
Wir konnten es beide nicht fassen, haben natürlich nach einer herzlichen Umarmung sofort unsere Telefonnummern ausgetauscht, uns einige Tage später zum Abendessen getroffen und uns an alten Erinnerungen gewärmt. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, mich – kurz vor meiner Rückreise – noch zu treffen, obwohl sie um ihre Mutter trauerte, die wenige Tage vorher verstorben war.

Auch wenn wir beide meist eher rational denken und handeln, haben wir diese Begegnung als Wunder empfunden, als Geschenk, das wir nicht wieder verlieren wollen. Ich habe Elvira von meiner Lehrerin erzählt und dieser von Elvira und beide waren ebenso berührt und angetan wie alle, mit denen ich diese wundersamen Begegnungen teilen durfte.

Ist die französische Volksweisheit wahrhaftig, dass jeder Abschied ein bisschen Sterben ist, dann habe ich binnen kurzer Zeit zwei Mal die wundersame Auferstehung einer Freundschaft aus der Vergangenheit erleben dürfen. Die Freude darüber und das Glück sind unbeschreiblich.