Wenn Erfolgsgeschichten nur noch Geschichte sind
„Wusste ich manchmal selbst nicht!“ antwortet die 36-jährige frisch gebackene Metallfacharbeiterin Sengita G. auf die Frage, wie sie das eigentlich alles geschafft hat.
„Spaß am Lernen erleben manche das erste Mal in ihrem Leben, mit Mitte 30!“ sagen ihre Lehrerin und ihr Ausbilder, die sie zum Schulabschluss und zum Facharbeiterbrief geführt haben.
Warum denkt man beim Wort Bildungsaufstieg meist nur an Kinder, die es aus Armuts-, Arbeiter- oder Migrationsmilieus an die Uni schaffen?
Was ist mit den 30- und 40-jährigen, die am Bildungssystem gescheitert sind, neu anfangen und noch 30 und mehr Jahre arbeiten müssen?
In einem Land, das sich seines dualen Ausbildungssystems rühmt, den Zweiten Bildungsweg erfunden und die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit Europas hat, sinkt die Zahl der abgeschlossenen Berufsausbildungen kontinuierlich und es fehlen Fachkräfte – wie kann das sein?
Warum sind Geschichten wie diese … Geschichte?
Wir schreiben das Jahr 2014. Nach knapp 10 Jahren Hartz IV hat es die gebürtige Albanerin geschafft. Sie kann sich und ihre 3 Kinder mit eigener Hände Arbeit ernähren, ist nicht mehr darauf angewiesen, beim Amt zu erklären, warum sie nicht pünktlich zum Termin kommen konnte, warum das Geld nicht gereicht hat, Schulhefte zu kaufen, warum sie wieder unentschuldigte Fehlzeiten in der ‚Maßnahme‘ hat.
18 Jahre in Deutschland liegen bereits hinter ihr, viele davon in ‚Duldung‘ und ohne Aussicht, der Armut, der Zukunftslosigkeit, der Hausfrauenrolle und dem rücksichtslosen Vater ihrer Kinder zu entkommen. Dass sie 2005 nach Jahren der Unterstützung vom Sozialamt plötzlich Geld von einer ‚ARGE‘ bekommt, die später ‚Jobcenter‘ heißt, ist der jungen Frau ebenso gleichgültig wie die Frage, weshalb die Sozialhilfe plötzlich ‚Hartz VIER‘ heißt.
Folglich weiß Sengita G. auch nichts von ‚Hartz EINS‘, wonach zwei Jahre vor ‚Hartz IV‘ Bildungswege wie der, dem sie ihren Aufstieg verdankt, schon nicht mehr ‚zeitgemäß‘ waren, selbst in der Institution nicht, die einst genau zu dem Zweck gegründet worden war: Beruflichkeit fördern und Fachkräfte sichern, mit Menschen wie ihr. Dass es den Weg für sie dennoch gab, lag an der Initiative Einzelner. Doch der Reihe nach:
Sengita G. ist nach Zwischenaufenthalten in Italien und Griechenland mit 18 Jahren nach Deutschland gekommen und versucht schon frühzeitig trotz kleiner Kinder ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu sichern, aber sie muss schon während der Ehe die Verantwortung für Kinder und Haushalt allein tragen. Doch Sengita G. gehört zu den Menschen, die nichts unversucht lassen. Schon im Kindergartenalter ihrer beiden Ältesten macht sie ‚Ein-Euro-Jobs‘ im Gartenbau, lernt Word, Excel und Photoshop. Praktische Tätigkeiten sind ihr dabei immer lieber als Verwaltung und Büro: Küchenhilfe, Gartenbau, Landwirtschaft und Schneiderei sind nur einige der Tätigkeiten, in denen sie sich versucht.
Als 2007 das dritte Kind kommt, muss sie zunächst zurückstecken und sich um die Erziehung kümmern, denn Betreuung für unter Dreijährige zu finden, kommt damals noch einem Lottogewinn gleich. Auf Unterstützung vom Vater der Kinder kann sie nicht zählen. Die Trennung macht es dann offiziell: Sie ist alleinerziehend und – in der „Hartz-IV-Falle“, Langzeitarbeitslosigkeit scheint ausweglos.
Dennoch verliert sie ihr Ziel nicht aus den Augen: Sie will einen Beruf, mit dem sie ihrer Familie den Lebensunterhalt selbst verdienen, den Kindern „ein Vorbild sein“ kann, doch der Weg dahin scheint unüberwindlich. Wie soll sie mit drei Kindern und ohne Schulabschluss einen Ausbildungsplatz finden und wie mit der Ausbildungsvergütung die Familie ernähren?
Sobald der Kindergartenplatz klar ist, klopft sie daher erneut beim für sie zuständigen Jobcenter an und die Gelsenkirchener Arbeitsvermittler haben ein Angebot für sie: Schul- und Berufsabschluss gemeinsam in einem Lehrgang angehen, der in Essen angeboten wird. Sie ist sehr interessiert und begibt sich direkt zur Beratung nach Essen, doch auch dieser Einstieg ist nicht ohne Hindernis. Da ihre Deutschkenntnisse im Schriftlichen noch zu große Lücken aufweisen, kann sie nicht sofort aufgenommen werden, sondern muss zunächst Lernprogramme zu Hause büffeln, damit sie das Einstiegsniveau erreicht.
Auch diese Hürde nimmt die junge Frau, obwohl sie nicht selten völlig geschafft ist, wenn Kinder versorgt, Haushalt erledigt und erst spät abends Zeit zum Lernen ist. 32 Lernprogramme bearbeitet sie in 2 Monaten. Die Rückmeldungen, die sie nach jedem Heft bekommt, sind hilfreich, um auch allein gezielt zu üben. Als sie zur Nachprüfung des Lernerfolgs erneut vorspricht, stellt sich heraus: Sie hat sich bereits deutlich verbessert, auch wenn die Lücken noch nicht geschlossen sind. Aber Sengita G. ist drin im Kurs.
Es folgen fünf Monate, die hart sind, denn für den Hauptschulabschluss wird ihr einiges abverlangt: Mathematik, Deutsch, Englisch, Physik, Informatik und Geschichte. Über 15 Jahre sind vergangen, seit sie in Albanien in der Schule war. Jetzt, in Essen, merkt sie, dass die Zeit rast, wenn man in eine Aufgabe vertieft ist; die Klausuren kommen scheinbar Schlag auf Schlag, der Tag der zentralen Abschlussprüfungen rückt schnell näher. Doch sie gibt nicht auf, auch wenn sie manches Mal abends mit dem Buch in der Hand einschläft. Es hilft zu wissen, dass sie nicht allein ist. Dank einer Lerngruppe aus Gleichgesinnten, die sich gegenseitig unterstützen, und der gezielten und erwachsenengerechten Lernförderung des Lehrerteams schafft Sengita G. den Hauptschulabschluss, wie auch alle anderen, die sich gemeinsam mit ihr durchgekämpft haben. Das Zwischenziel ist erreicht. Nach dem Herbstsemester hält sie das Abschlusszeugnis in Händen, mittlerweile ist sie 34 Jahre alt.
Doch Zeit zum Ausruhen besteht nicht, denn nun geht es in den Beruf. Zunächst hatte sie Verkäuferin werden wollen, mit Menschen umgehen, Verkaufsgespräche führen, Regale auffüllen. Die obligatorischen Berufsorientierungstage noch vor dem Schulabschluss führen sie jedoch unter anderem in die Metallfertigung, mit Werkbänken, Schraubstöcken in der einen und computergesteuerten Dreh- und Fräsmaschinen in der anderen Ausbildungshalle. „Das ist es!“, wird ihr sofort klar, als sie beeindruckt durch den Maschinenpark geführt wird. Das Vorstellungsgespräch mit der Ausbildungsleitung verläuft positiv, auch das Jobcenter Gelsenkirchen gibt grünes Licht. Dass sie sich in eine Männerdomäne begibt, schreckt die dreifache Mutter nicht, im Gegenteil, es ist ein zusätzlicher Ansporn.
Doch auch hier steht zunächst das Lernen im Vordergrund, die Theorie hinter der hochmodernen Fertigungstechnik fordert ihrer Leistungsbereitschaft sofort alles ab, denn anders als bei den Umschülern an der Werkbank neben ihr läuft ihr Bildungsgutschein nach der ersten Ausbildungsstufe ab; sie muss nicht nur sich und den Kollegen, sondern vor allem dem Jobcenter vom ersten Tag an beweisen, dass sie es kann und die Anschlussförderung verdient. Fehlzeiten kann sie sich kaum erlauben – bisweilen ein Glücksspiel mit drei Kindern, wo zeitweise immer eines krank ist.
Nach vier Monaten in Unterricht und Fachpraxis steht sie zwischen Drei und Vier. Viel wichtiger jedoch sind die Aussagen des Ausbildungsleiters und des Sozialbetreuers: „Es wird nicht einfach, aber sie schafft das!“. Die Gelsenkirchener ziehen erneut mit und bewilligen nach dem ersten Jahr die weiteren 18 Monate. Nun ist sie auch offiziell „Auszubildende“ und in der IHK-Ausbildungsrolle eingetragen. Weitere acht Monate Theorie und fachpraktische Unterweisung erwarten sie, bevor die betriebliche Praxis beginnt.
Nach den bisher eher kurzfristig gesteckten Zielen Schulabschluss und Berufseinstieg liegen nun 1½ Ausbildungsjahre vor ihr, die Zeit kommt ihr ewig vor. Aber nun stehen auch privat Entscheidungen an, die sie angesichts der Lernbelastung ein Jahr zurückgestellt hatte: Die Auseinandersetzung mit dem Vater der Kinder abschließen, eine neue Wohnung suchen. Leider läuft manches nicht so, wie gewünscht: Ihr Ex macht Probleme, die neue Wohnung ist zum versprochenen Termin nicht bezugsfertig.
Sie braucht Energie, um die aus dem Ruder laufenden Prozesse in den Griff zu bekommen, vor allem aber braucht sie Zeit. Fehlzeiten entstehen in der Ausbildung, sie gerät ins Hintertreffen, der Erfolg ist gefährdet.
Auch in dieser Phase helfen die Sozialpädagogen und Fallmanager von Ausbildungsteam und Jobcenter: Bevor sie den Anschluss komplett verliert, werden Interventionsgespräche geführt, Unterstützungsangebote organisiert und vor allem Mut gemacht, denn die Verantwortlichen in Essen und Gelsenkirchen erkennen sofort: Fordernder Druck hilft jetzt nicht, Sengita G. muss ihr Selbstvertrauen zurück gewinnen und Versäumtes so schnell wie möglich nachholen, denn die nächsten Herausforderungen der Ausbildung stehen vor der Tür: ein Ausbildungsbetrieb will gefunden werden, der sie in die betriebliche Praxis einführt, und schon bald steht der erste Teil der Facharbeiterprüfung an.
Sengita G. besteht den ersten Prüfungsteil mit Mühe, findet eine Praktikumsstelle bei einer Firma für Gelenkwellenbau in Essen. Und hier kann sie ihre Stärken endlich ausspielen: Zupacken und Machen. Sie zeigt, was sie kann und der Betriebsleiter ist schnell beeindruckt von ihrer direkten Art und von ihrem technischen Sachverstand: „Solche Leute brauchen wir, da spielen Geschlecht oder Herkunft keine Rolle.“ Die positiven Rückmeldungen stärken Sengita G. nochmals den Rücken und sie merkt, jetzt ist sie in der Erfolgsspur. Den betrieblichen Auftrag, praktischer Teil der IHK-Prüfung, besteht sie mit ‚Sehr gut‘ und gleicht damit die schwächeren Resultate in der Theorie spielend aus.
Die Firma hat ihr die Übernahme zugesagt, der wichtigste Schritt in den Ausstieg aus Hartz IV. Sie hat ihr Ziel erreicht und rückblickend gingen die 29 Monate doch schnell vorbei.
Ob sie den Abschluss auch ohne dieses Kombi-Bildungsmodell erreicht hätte? „Wahrscheinlich hätte sie in der Gastronomie oder im Einzelhandel einen Hilfskraftjob angenommen und würde heute, 10 Jahre später, zu denen gehören, die zum Mindestlohn in Vollzeit arbeiten und wegen der Kinder nie von Hartz IV loskommen“, sagen die Essener Ausbilder.
„Ohne eine gehörige Portion Durchhaltevermögen und Motivation wäre diese Entwicklung nicht denkbar gewesen“, sind sich die Verantwortlichen von Volkshochschule und Berufsförderungszentrum in Essen einig. Die beiden städtischen Bildungseinrichtungen hatten mit ihrem kooperativen Lehrgangsmodell „Hauptschulabschluss mit Berufseinstieg“ die Grundlage geschaffen, auf der Erwachsene ohne Schul- und Berufsabschluss schrittweise den Status „Ungelernt“ verlassen können. Das Rezept dafür ist so schlüssig wie ungewöhnlich:
Zwei meist getrennte Bildungsbereiche, die schulische und die berufliche Ausbildung, werden in einem Kurs miteinander verbunden. Die Verkürzung der Regelausbildungszeiten von vier auf 2 ½ Jahre erfordern eine intensive Begleitung von der Erstberatung bis zum Berufsabschluss, um Probleme beim Lernen oder im Privatleben sofort anzugehen, denn trotz Motivation und Leistungsbereitschaft sind Rückschläge durchaus die Regel. Förder-, Unterstützungs- und Beratungsangebote sowie die Stärkung der Lerngruppe sind nötig, um auch die Krisen zu überstehen.
Warum also, um zur Ausgangsfrage zurückzukehren, sind Bildungswege zum Berufsabschluss für Erwachsene in Zeiten des unermüdlich beschworenen ‚Fachkräftemangels‘ nicht mindestens so stark nachgefragt und gefördert, wie zu Zeiten Willy Brandts, der vor ziemlich genau 50 Jahren das als „Modelleinrichtung der beruflichen Erwachsenenbildung“ gestartete Essener Zentrum besuchte, wo Sengita G. mit 36 ihren Facharbeiterbrief erhielt?
Die Antwort liegt genau 20 Jahre zurück und heißt Hartz Eins. Das erste von vier „Gesetzen für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“, so der offizielle Name der Hartz-Gesetze, hatte in Folge der nach dem VW-Manager Peter Hartz benannten Kommission eine Reform eingeleitet, der marktliberale Reformen im Zeitgeist der Schröder’schen Agenda-Jahre ab 2003 zum Maß aller Dinge der aktiven Arbeitsmarktpolitik und der Arbeitsförderung machte.
Nur wenige Jahre nach der viel beachteten Berliner Rede von Bundespräsident Herzog im Hotel Adlon, in der dieser Bildung als „Schlüssel zum Arbeitsmarkt“ bezeichnet hatte, machte das Unwort von der „Bildung auf Halde“ die Runde von den Beraterkohorten in der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit bis zu den Claqueuren der Berliner Republik, denn schnelle Vermittlung statt eines langwierigen, aber nachhaltigen Aufstiegs durch Bildung war das Gebot der Stunde.
Die Ausbildung von Fachkräften, also die Förderung von Berufsabschlüssen, Kernstück aktiver Arbeitsmarktpolitik seit den 70er Jahren, wurde nachhaltig entwertet, obwohl die noch immer als Umschulung bezeichneten überbetrieblichen Ausbildungen schon damals faktisch Erstausbildungen für jene Erwachsenen waren, die Schul- und Berufsabschlüsse verpasst hatten oder als Zuwanderer ohne ausreichende Sprachkenntnisse und verwertbare Abschlüsse aus den Herkunftsländern am Arbeitsmarkt um Niedriglohnjobs konkurrierten.
Die Anwendung des Vergaberechts bei der Förderung der beruflichen Weiterbildung durch die Einführung von Bildungsgutscheinen mit bundesweiter Deckelung der Preise führte zunächst zu einem dramatischen Umbruch bei gemeinnützigen Bildungseinrichtungen wie dem Berufsförderungszentrum, in dem Sengita G. ihren Abschluss erreichte. Ein drastischer Personalabbau und Gehaltskürzungen für die Verbliebenen von mehr als einem Viertel waren nötig, um das Modellzentrum vor dem Konkurs zu bewahren.
Der Bildungsmarkt verlagerte sich fortan schrittweise auf Angebote mit niedrigen Investitions- und Sonderkosten und entfernte sich immer weiter von einem berufsbildenden Kernprogramm hin zu zweckgebundenen Kurzqualifizierungen. Damit die zunehmend auf den Markt drängenden privatwirtschaftlichen Anbieter die gesteckten Renditeerwartungen bedienen konnten, mussten die personalintensiven Durchführungskosten so weit als möglich reduziert werden. Der zunehmende Einsatz von Honorarkräften und der Verzicht auf Zusatzleistungen waren ebenso die Folge wie eine steigende Prekarisierung der Arbeitsbedingungen von Lehrkräften und Ausbildern mit tariflosen, befristeten Verträgen.
Erfolgsgeschichten einer Sengita G. sind unter diesen Bedingungen kaum vorstellbar. Dass sie dennoch möglich war, verdankt sie Essener Akteuren, die am Anspruch der Berufsförderung des Brandt’schen Modellzentrums festhielten und die 2009 arbeitsförderungsrechtlich neu geschaffene Möglichkeit nutzten, schulische und berufliche Abschlüsse in einem Bildungsangebot zu verbinden.
Wirtschaftlich vertretbar war der Zusatzaufwand durch Beratung, sozialpädagogische Begleitung und Lernförderung, wie sie Sengita G. zuteil wurden, allerdings nicht, denn die Lehrgänge im mittlerweile als GmbH operierenden kommunalen Bildungsunternehmen waren im zuständigen Profitcenter für Berufsförderung ein Zuschussgeschäft, das sich nur rechnete, weil der Lehrgang seinerzeit als Marketingmaßnahme und zur Gewinnung von Bildungsgutscheinen für die verbliebenen Ausbildungsplätze diente.
Doch auch diese Erfolgsgeschichte ist mittlerweile Geschichte, denn Berufsabschlüsse erreicht man über den Hauptschulabschluss mit Berufseinstieg 50 Jahre nach Willy Brandts Besuch und 20 Jahre nach Hartz I heute nicht mehr. Auch Facharbeiterinnen und Facharbeiter für Metallverarbeitung werden nicht mehr ausgebildet, der teure Maschinenpark konnte nicht länger aus den Bildungsgutscheinerlösen unterhalten werden.
Dabei könnten angesichts der nicht endenden Rufe nach Fachkräften und des Rückgangs der bundesweiten Berufsabschlüsse um 100.000 auf 375.000 binnen 10 Jahren[i] Bildungskonzepte helfen, die noch vor einem Jahrzehnt zu Erfolgsgeschichten der besonderen Art wie bei Sengita G. geführt hatten.
„Upward Mobility“ heißt im angloamerikanischen Bildungskontext die Möglichkeit, einen sozialen Aufstieg durch Bildung zu erreichen. Bildungszugänge und Abschlussquoten akademischer und beruflicher Bildungsgänge sind auch bei uns ein wichtiger Maßstab von Bildungschancen. Diese haben im Bereich der Erwachsenenbildung eine besondere Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung eines Industrielandes, wenn die Zahl der Fachkräfte, die aus dem Berufsleben ausscheiden, größer ist als die Zahl der Schulabgänger, die nachfolgen.
Die Differenz kann nur im Rahmen der Erwachsenenbildung ausgeglichen werden, die dazu auf diejenigen zurückgreifen muss, deren Bildungserfolg schulisch oder beruflich gescheitert ist, deren Abschlüsse nicht mehr verwertbar sind oder die erst im Erwachsenenalter zugewandert sind. Die Bildungszugänge für diese Un- und Angelernten sowie für diejenigen, die umzuschulen und zu integrieren sind, können nur durch Bildungsangebote geschaffen werden, die so durchlässig und kombiniert sein müssen, dass sie den heterogenen Zielgruppen der Erwachsenenbildung gerecht werden und gegebenenfalls mehrere Abschlussniveaus überwinden helfen.
Dabei ist die Ausgangsfrage für ein fachkräftesicherndes Bildungsangebot nicht, ob es sich an im Schulwesen Gescheiterte, Arbeitslose ohne Berufsabschluss, bereits Zugewanderte mit oder ohne Abschlüsse und Erfahrungen oder zukünftig zuwandernde oder angeworbene Fachkräfte richtet, denn alle diese Zielgruppen müssen adressiert werden. Einstiege auf unterschiedlichen Niveaus und mit mehr oder weniger vorbereitenden, grundbildenden, sprachbildenden oder fachbildenden Schwerpunkten und komplementären Elementen müssten geschaffen werden, um die Potenziale zu nutzen, die gebraucht werden.
Wenn Bildungsangebote jedoch profit- und wettbewerbsorientiert auf Effektivität und Effizienz ausgerichtet sind, statt auf Bildungsziele, kann ein solches fachkräftesicherndes Bildungsangebot nicht gelingen, denn wenn die Bildungszugänge geschaffen sind, müssen die Bildungsabschlüsse erreicht werden, was angesichts der Heterogenität der Zielgruppen und der sozioökonomischen Belastungsfaktoren (Unterhaltssicherung, Aufenthalt, Kinderbetreuung, Integration, Lernfähigkeit etc.) erheblichen begleitenden Förderbedarf erfordert.
Ein Gesellschaftsverständnis, wie es zu den Bildungsreformen vor 50 Jahren geführt hat, würde uns mehr als guttun.
[i] Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Berufsbildungsstatistik, Stand: 06.07.2023 / BiBB dazubi Datenerhebung, Stand: Dezember 2022
