Warum geht mir beim Verfolgen der verstörenden politisierten Debatte um das Asylrecht nach der entsetzlichen Gewalttat von Solingen ausgerechnet dieser Ausschnitt des Bibelverses (2.Mose 21, 24) durch den Kopf? Dieser Vers, der noch heute Vielen als Ausdruck der Vergeltung gilt, als archaische Regel für das Recht des Angegriffenen gegenüber dem Angreifer Rache zu üben.
Doch war der alttestamentarische Appell weder dem Täter noch dem Opfer gewidmet, sondern wohl als Gebot der Mäßigung gemeint, dass die Strafe nicht härter ausfallen dürfe als die Tat, über die zu urteilen sei.
Jesus stellte sich in der Bergpredigt ausdrücklich gegen die Vergeltung, ohne aber dieses Gebot der Mäßigung in Frage zu stellen, denn er wandte sich an die Geschlagenen, nicht zurückzuschlagen, sondern die andere Backe hinzuhalten.
Im Laufe der Jahrtausende seit Mose sind aus Stämmen Völker geworden, aus Völkern Nationen und – zumindest in unseren wohlhabenden Breiten des globalen Nordens – vielfältige Industriegesellschaften, doch das „Auge um Auge“ und das „Wie du mir, so ich dir“ sind als Redensarten in unserer Sprache und wohl auch im Denken Vieler als Recht auf Vergeltung erhalten geblieben, während Feinde lieben als Schwäche angesehen wird.
Mehr noch: Aus dem ‚Mir und Dir‘ scheint ein ‚Wir und Die Anderen‘ geworden, dessen nationalistische Variante Treibstoff aller Kriege war und ist, die doch immer aus Angriff und Vergeltung beginnen und im Verderben Vieler enden.
Dennoch scheint der Drang, Andere für erlittenes oder befürchtetes Leid zur Rechenschaft zu ziehen, zu der Polarisierung unserer medialen Welt zu passen, die selbst als ‚Hetze‘ heute immer größeren Raum in den sozialen Medien einnimmt und aus der leider viel zu oft Taten folgen.
Die Verhältnismäßigkeit ist ein Grundsatz im Rechtsstaat, Straftaten mit Augenmaß zu vergelten, doch Richter und Staatsgewalt sind nicht Gottes Geboten verpflichtet, sondern den Gesetzen, die wir Menschen machen. Dafür schicken wir Vertreterinnen und Vertreter in Parlamente, da beginnt die Politik und die wird zu oft ohne Augenmaß als ‚Wir und Die Anderen‘ multimedial in allen Tonlagen durchexerziert.
Wie ist es anders zu erklären, dass führende Repräsentanten unseres Landes – selbst solche, die sich als Christlich bezeichnen – Hundertausende vor Extremismus Geflohene für die grauenhaften Taten einzelner radikalisierter und verblendeter Extremisten verantwortlich machen? Denn genau das tun sie, wenn sie Abschiebung, Abweisung und Abschreckung wollen, ohne die Notlage Einzelner und deren drohendes weiteres Schicksal auch nur in Erwägung zu ziehen, weil unter den Hunderttausenden ja ein potenzieller Täter sein könnte.
Aktuell befindet sich Juan, ein junger Kurde aus dem Nordosten Syriens, in unseren Gemeinden im Kirchenasyl. Er ist vor der Einberufung in den Kriegsdienst gleich zweier Armeen geflüchtet: Vor der kurdischen Miliz, die von der Türkei als Terroristen bekämpft werden und gleichzeitig als Verbündete der USA gegen jenen sogenannten ‚Islamischen Staat‘ kämpfen, der das Attentat von Solingen für seinen – in jeder Hinsicht unheiligen – Krieg reklamiert; und er ist auch vor der syrischen Armee geflüchtet, die alle jungen Männer rigoros für die Diktatur rekrutiert, die das zerrüttete Land noch nicht verlassen haben.
Juan hat ein ähnliches ‚Profil‘ wie der Attentäter von Solingen, und doch ist bei ihm alles anders: Er ist nicht isoliert und nicht radikalisiert. Er ist jugendhaft, fast noch kindlich, liebt seine Familie über alles. Entsprechend schwer fiel es ihm kurz nach Abschluss der Schule, als ältester Sohn seine Eltern und seine jüngeren Geschwister zu verlassen. Er wollte studieren, Geld verdienen und der Familie die Stütze sein, die seine Eltern gemäß der Tradition vom Erstgeborenen erwarten konnten.
Er wollte die Geborgenheit des Elternhauses nicht verlassen, doch die Eltern drängten ihn. Zu groß war ihre Angst, ihn auf einem Schlachtfeld zu verlieren, wie es so vielen anderen im Dorf schon geschehen war.
So verkauften sie, was sie konnten, um das viele Geld aufzubringen, das für eine Flucht nach Europa nötig war, nicht ohne sicherzustellen, dass Verwandte in Deutschland auf ihn warten, ihn aufnehmen und sich um ihn kümmern würden.
Dank Mobiltelefonen wussten die Eltern zu jeder Zeit der zweimonatigen Flucht, wo Juan sich befand, und wurden von den Verwandten unmittelbar informiert, als er dort angekommen war.
Was sie nicht wussten und auch keiner der ,Fluchthelfer‘ gesagt hatte:
Ankommen reicht nicht, denn Deutschland hatte mit seinen europäischen Nachbarn im reichen Norden schon seit Jahrzehnten ein System geschaffen, dass ein Asylbegehren in Deutschland eigentlich unmöglich macht, denn für das Asylverfahren ist der EU-Staat verantwortlich, den ein Flüchtling zuerst erreicht.
Deutschlands Freud‘ über diesen vorteilhaften Vertrag, der den Namen von Irlands Hauptstadt trägt, ist der Anderen Leid, die an den Außengrenzen der europäischen Union nicht recht froh darüber sind, für Deutschland die Asylbremse zu sein. So gelangen tatsächlich Zigtausende nach Deutschland ohne in einem der Transitländer aufzufallen.
Nicht aber Juan: Er geriet in Rumänien in eine Polizeikontrolle, wurde erfasst und wieder auf die Straße gesetzt, von wo er seine Reise nach Deutschland fortsetzte, was ihn schließlich in eine ähnliche Lage brachte, wie den Attentäter von Solingen.
Sein Asylantrag wurde nicht angenommen, ihm drohte die Abschiebung nach Rumänien. Die Familie besorgte eine tüchtige Anwältin, doch auch der Rechtsweg scheiterte. Vor der Abschiebung nach Rumänien, drohender Obdachlosigkeit, Verwahrlosung oder weiterer Abschiebung konnte ihn nur noch die Überforderung der deutschen Behörden bewahren oder eben ein Asyl in der Kirche, wie es etwa Zweitausend anderen Menschen pro Jahr zuteil wird, die dort mehrere Monate ausharren müssen, bis das Asylverfahren in Deutschland durchgeführt werden muss.
Für viele, zu viele, kann kein Kirchenasyl gefunden werden, sie müssen darauf hoffen, dass die Behörden die Abschiebungen nicht organisiert bekommen:
Die 25-jährige Syrerin Najah, beispielsweise, wurde von ihrem saudi-arabischen Mann misshandelt, von ihren Töchtern getrennt, verstoßen und schließlich in ein Flugzeug nach Paris gesetzt, von wo aus sie sich – schwer traumatisiert – nach Wuppertal begab, wo ihre Eltern und Geschwister seit Jahren leben und arbeiten;
das ukrainisch-kurdisch-muslimische Ehepaar mit belarussischen Pässen war mit ihren zwei kleinen Kindern bereits vor türkischen Bombardements aus der kurdischen Heimat des Mannes im Nordirak geflohen und hatte sich am Geburtsort der Frau jenseits der ukrainisch-belarussischen Grenze niedergelassen, als sie nach Beginn des Ukraine-Krieges vor anti-ukrainischen Repressionen und anti-muslimischen Ressentiments erneut flüchten mussten und über Polen schließlich nach Deutschland kamen;
der 27-jährige afghanische Elektroingenieur Noman, der nach seinem Studienabschluss in der Türkei weder dort bleiben noch in sein inzwischen taliban-regiertes Heimatland zurückkehren konnte, versuchte mit dem Schengen-Visum eines EU-Landes auf legalem Weg in das Land zu kommen, wo Ingenieure gesucht werden und er die beste Chance zu haben glaubte, seiner verarmten Familie in Afghanistan Unterstützung zu geben;
der 29-jährige Syrer Abdullah, dessen Eltern und Geschwister bereits in Deutschland leben, ließ Frau und Kinder notgedrungen im türkischen Erdbebengebiet zurück und flüchtete nach jahrelangem Aufenthalt im Flüchtlingslager zunächst allein mit Hilfe von Schleusern über die Balkanroute nach Deutschland, um dort in der Nähe seiner Eltern und Geschwister ein Bleiberecht zu bekommen und dann hoffentlich seine Familie aus den katastrophalen Lebensbedingungen nach dem Erdbeben befreien zu können.
Sie alle hoffen darauf, ein faires Verfahren, ein Perspektive für ihr Leben und eine Chance in dem Land zu bekommen, das behauptet, Hundertausende von fleißigen Händen und klugen Köpfen zu brauchen.
Sie alle sind selbst Opfer und keine potenziellen Täter!
Gegen Radikalisierung helfen keine Abschiebungen, Abschottungen und Ausgrenzungen, sondern Lebensperspektiven und stabile soziale Strukturen in Familie und Nachbarschaft!
© Reiner Siebert, September 2024
