doch das konnten wir schon besser!
Es ist ein halbes Jahrhundert vergangen, seit Willy Brandt als Bundeskanzler eine Essener Institution besucht hat, deren dramatischer Umbruch durch die Hartz-Gesetze vor mehr als 20 Jahren Sinnbild ist für einen Niedergang: Gemeint ist der Ausverkauf einer vorsorgenden, progressiven und ressortübergreifenden Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik zu Gunsten der Markt- und Profitorientierung. Die Errungenschaften sozialdemokratischer Gesellschaftspolitik der 70er Jahre zu erhalten, hätte die Fachkräfte sichern können, die heute so dringend gesucht werden.
„Früher war alles besser, auch die Zukunft“, ist einer jener Sprüche, die recht witzig sein mögen oder zumindest zum Schmunzeln verleiten, wenn es darum geht, ‚Miesepeter‘ auf die Schippe zu nehmen, die wieder einmal an allem Gegenwärtigen herummäkeln, wie manche Zeitgenossen das mitunter tun.
Vertreter älterer Generationen, zu denen ich mich auch zählen darf, neigen nicht selten dazu, Vergangenes in nostalgischer Erinnerung zu verklären, weil sie das Angenehme in Erinnerung behalten, das Unangenehme aber vergessen haben. Es ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, die uns schützt, indem sie Ballast vergangener Tage von unseren Schultern nimmt, der jedoch bei so manch persönlichem, autobiografischem Rückblick wieder zum Vorschein kommt und resümieren lässt, was man genauso wieder getan oder besser gelassen hätte.
Der historische Blick hingegen soll uns sowohl helfen, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden als auch Fehlentwicklungen zu verstehen, denn diese haben immer in der Geschichte ihren Ursprung.
Aber gerade bei den Fehlentwicklungen ist der obige Witzspruch gänzlich unangebracht, denn er ist vor allem Spott derer, die von Entwicklungen profitieren, die der Gesellschaft schaden.
Die Entspannungspolitik Willy Brandts hat, darin ist die Geschichtswissenschaft einig, mit beharrlichem Vertreten eigener Werte und Positionen bei gleichzeitigem Respekt vor den Interessen des Gegenübers das Blockdenken überwunden und Deutschland und Europa nachhaltig auf friedlichem Weg verändert. Dass darauf 30 Jahre Fehlentwicklung folgten, wird angesichts der aktuellen Kriegs- und Bedrohungslage niemand bestreiten, und es zeigt, wie historisch bahnbrechend Brandts politische Lebensleistung war.
Vor der weltpolitischen Bedeutung der Entspannungspolitik verblassen verständlicherweise innenpolitische Weichenstellungen und Errungenschaften, die vor einem halben Jahrhundert Sozialdemokratische Gesellschaftspolitik kennzeichneten und die Entwicklung Deutschlands als Soziale Marktwirtschaft und als Industrie- und Wirtschaftsstandort maßgeblich beeinflussten.
Die Berufliche Bildung ist bis heute der große und bedeutende Bildungsbereich, der weit überwiegend bundespolitisch gestaltet wird und nicht unter die Bildungshoheit der Länder fällt. Sie war ebenso Teil des gesellschaftspolitischen Aufbruchs der frühen 70er Jahre wie eine aktive Arbeitsmarktpolitik, die als Chance für den Einzelnen und die Gesellschaft gleichzeitig galt.
Sie ging davon aus, dass ein Beruf für Menschen mehr ist als Arbeit zum Broterwerb, dass Menschen gute Arbeit wollen, auch wenn sie hart ist, weil sie Teilhabe, Anerkennung und soziales Miteinander mit sich bringt.
Mit dem Grundverständnis sozialdemokratischer Gesellschaftspolitik der siebziger Jahre geht ein Menschenbild einher, das heute niemand mehr mit Arbeitsmarktpolitik und schon gar nicht mit den ‚marktverherrlichenden‘ Reformen verbindet, die vor 20 Jahren als Hartz I/II begonnen haben und zwei Jahre später mit Hartz IV abgeschlossen wurden. Sie beendeten gleichzeitig die Geschichte der SPD als Volkspartei.
Es ist Zeit sich daran zu erinnern. Die Geschichte des Bfz-Essen bietet Gelegenheit dazu, denn sie ist ein Symbol für den Niedergang eines Verständnisses, das nicht nur die Städte des Ruhrgebiets zu Herzkammern der Sozialdemokratie machte.
Als die Geschichte des Bfz begann, war ich Sextaner, doch meine eigene, persönliche Berufsbiografie ist damit eng verknüpft.
Vor einem halben Jahrhundert besuchte Willy Brandt das Berufsförderungszentrum in Essen

Bundeskanzler Brandt im Berufsförderungszentrum Essen
„Bundeskanzler Brandt besuchte ein Modellstück sozialdemokratischer Gesellschaftspolitik. In der Regierungserklärung hatte der Bundeskanzler die Berufsbildungsreform als vorrangig dargestellt“ berichtete die UFA-Wochenschau Ende Juni 1973 knapp und unprätentiös aus Essen. Brandt selbst resümierte seinen Besuch im Berufsförderungszentrum:
„Die Notwendigkeit sich umschulen zu lassen, wird vom einzelnen und der Gesellschaft nicht als das Ergebnis eines Scheiterns zu sehen sein,“ sondern als „legitime Chance (…), die berufliche Existenz der sich ständig verändernden gesellschaftlichen Wirklichkeit anzupassen…“
Vor 50 Jahren war die Reform der beruflichen Bildung tatsächlich ein gesellschaftspolitisches Modellstück, das die Gesellschaft und den einzelnen Menschen gleichzeitig in den Blick nahm, indem sie aus der Lehre eine Ausbildung mit einem klar formulierten, berufsbezogenen und allgemeinbildenden Bildungsauftrag, einklagbaren Rechten für die Auszubildenden und paritätischer Steuerung des Berufsbildungssystems machte.
Auch die berufliche Weiterbildung und Umschulung Erwachsener und die Arbeitsmarktpolitik wurden fortan als zwei Seiten einer Medaille betrachtet, die sowohl neue Chancen für Einzelne als auch für die wirtschaftliche Entwicklung und die Fachkräftesicherung insgesamt abbildete.
In diesem Sinne war das Berufsförderungszentrum Essen, kurz Bfz, zwei Jahre zuvor als Modelleinrichtung der beruflichen Erwachsenenbildung gegründet worden und wurde als eingetragener Verein von der damaligen Bundesanstalt für Arbeit gemeinsam mit Sozialpartnern und Kammern, dem Bundesinstitut für Berufliche Bildung, den Ministerien für Arbeit und Bildung in Land und Bund, Kirchen und der Kommune paritätisch getragen.
Die Entwicklung und der Ausbau einer beruflichen Bildungsinfrastruktur, in der Bergarbeiter umgeschult und arbeitslose Erwachsene aus- und fortgebildet werden können, in der Ausbilder, Lehr- und Verwaltungskräfte entsprechend bundestariflich bezahlt werden, und die strukturell sowohl in der Arbeitsverwaltung als auch im Berufsbildungssystem eingebunden ist; dies wurde in erster Linie als gesellschaftspolitische und damit staatliche Aufgabe verstanden.
Dafür war das Bfz-Essen ein formidables Beispiel, das neue Wege erproben und umsetzen sollte und an dem sich im ganzen Land ein Netz von beruflichen Bildungseinrichtungen in Inhalt, Struktur, Methodik und Didaktik wie auch Erneuerungsgeist orientieren können sollte.
Dieses sozialdemokratische Gesellschaftsverständnis der frühen 70er Jahre, von der SPD später höchstselbst zu Grabe getragen, hatte zu jener Zeit bereits Antworten auf Fragen generiert, die sich mit der beginnenden Massenarbeitslosigkeit der achtziger Jahre erst zu stellen begannen.
Es könnte heute all jenen Apologeten der Selbstheilungskräfte des Marktes als Lehrstunde dienen, die seit Jahr und Tag zwar den Fachkräftemangel beklagen, aber die Förderung der beruflichen Bildung dem Wettbewerb unterwerfen, gleichberechtigte Teilhabe und Bildungszugänge sträflich vernachlässigen und nach Zuwanderung rufen, während die Zahl der Ausbildungsverträge und Berufsabschlüsse im Dualen System kontinuierlich sinkt.
Stattdessen sollen es also mehr Zuwanderer sein, ohne allerdings die Integration bereits Zugewanderter zu verbessern; von einer auch nur minimalen Entschädigung für den Ausbildungsaufwand der Entsendeländer ganz zu schweigen.
Welche Rufer nach Fachkräftezuwanderung haben bisher für die Angekommenen in ähnlichem Eifer faire und gleiche Einkommen für gleiche Arbeit gefordert? Welche Verfechter freier Märkte haben bislang darauf hingewiesen, dass dem Gesetz von Angebot und Nachfrage gerade in Engpassberufen deutliche Lohnsteigerungen folgen müssten.
Doch so viel Marktmechanismus, dass der Profit gefährdet wird, soll es dann wohl doch nicht sein…
Gut zwanzig Jahre nach Brandts Besuch in Essen hatte ich nach meinem Studium der Sozialwissenschaften geglaubt, meine berufliche Erfüllung fürs Leben gefunden zu haben, als ich eine Anstellung als ‚Pädagogische Fachkraft‘ im Bfz fand.
Tatsächlich war dort alles anders als ich es als Honorarkraft und später auch als Angestellter in anderen öffentlichen, gemeinnützigen und privaten Einrichtungen der außerschulischen Bildung kennengelernt hatte.
Teilnehmerzentrierte und -aktivierende Ausbildungsmethoden, ganzheitliche und interdisziplinäre Ansätze in der Beratung, Vorbereitung und Begleitung der Teilnehmenden hatten mich von Beginn an ebenso beeindruckt wie der Teamgeist, welcher Psychologen und Pädagogen, Ingenieure und Handwerksmeister, Sozialpädagogen und Sozialarbeiter fachübergreifend und gleichberechtigt auf Augenhöhe zusammenführte.
Potenziale und Förderungsbedarfe der Kursteilnehmer wurden diskutiert, Hürden aus dem Weg geräumt; der Anspruch war, jedem und jeder Einzelnen gerecht zu werden, die richtigen Impulse für und während eines neuen Berufsweges zu geben und die Perspektive Berufsabschluss nie aus den Augen zu verlieren, selbst wenn dies nur über vielfache Hilfs- und Unterstützungsangebote gelingen würde.
Obwohl das Bfz zur Zeit meines Einstiegs schon zwei Jahrzehnte existierte, war die kreative Energie des Modellzentrums für neue Themen, Methoden, Projekte und Entwicklungen mit Händen zu greifen. Es war, wie mir erst sehr viel später bewusst wurde, ein nachhaltiges Fachkräftesicherungsmodell, das wir heute gut gebrauchen könnten.
Die Aufbruchstimmung der Bildungsreform der 70er Jahre bestimmte den Kurs des Berufsförderungszentrums der 90er Jahre trotz „geistig-moralischer Wende“ der Kohl-Ära noch immer, sie schien gar nach Wiedervereinigung und dem Ende der nicht nur bildungs- und sozialpolitisch zähen sechzehn Regierungsjahre Helmut Kohls neuen Auftrieb gewonnen zu haben.
Doch das sollte sich bald spürbar verändern. Tatsächlich lässt sich an der Entwicklung des Berufsförderungszentrums – welches sich heute vielsagend die Bfz nennt, weil es eine GmbH geworden ist – der Niedergang einer vorsorgenden, sozialstaatlichen und zugleich zukunftsweisenden Arbeitsmarkt- und Berufsbildungspolitik ablesen wie bei kaum einer anderen Institution.
Die rot-grüne Koalition in Berlin läutete bereits 1998 das endgültige Ende des sozialdemokratischen Gesellschaftsverständnisses der Ära Brandt und damit den Anfang vom Ende des Modellzentrums Berufsförderungszentrum Essen e.V. ein.
Die neoliberale Wende und Agenda-Politik der Schröder-Regierungen sowie die Durchsetzung der Hartz-Reformen führten – in den drei Teilen vor Hartz IV! – zur Umwandlung der Arbeitsämter in Arbeitsagenturen und deren Verpflichtung auf marktwirtschaftliche Wettbewerbsbedingungen in der aktiven Arbeitsmarktpolitik und Förderung der beruflichen Weiterbildung.
Es war eine Entwicklung, die viele tariftreue Bildungseinrichtungen, die keine Honorarkräfte beschäftigten und nach dem Bundesangestelltentarif (BAT) zahlten, in den Ruin trieb, und deren Auswirkungen auch zwanzig Jahre nach Hartz noch drastisch vor allem an den Arbeitsbedingungen in der Weiterbildungsbranche zu spüren sind.
Unter diesen Bedingungen war erst recht kein paritätisch geführter Verein als Modellzentrum mehr haltbar und so verlor das Bfz nicht nur zwei Drittel der Angestellten und damit weitgehend seine kreative Energie, sondern auch, bis auf die Stadt Essen, alle Mitglieder, die den Verein einst getragen hatten.
In den Folgejahren wandelte sich das bundesweite Modellzentrum zu einer kommunalen GmbH, mit gewissen Vorteilen bezüglich kommunaler Interessen und kurzer Wege, aber auch mit den Nachteilen kommunalpolitischer Empfindlichkeiten und Verfilzungen, vor allem aber mit der fehlenden Weitsicht in Bezug auf (berufs-) bildungspolitische und zukunftsweisende Entwicklungsbedarfe.
Doch nicht nur die Unternehmensform und die Eigentumsverhältnisse änderten sich, sondern auch durch die innere Konstitution des Bfz fegte ein neoliberaler Sturm:
Aus Abteilungen und Fachbereichen wurden Profit-Center; Personalverwaltung und -entwicklung wurden outgesourct; zwei neue Hierarchieebenen machten aus den flachen ideenfördernden Entscheidungsstrukturen ein privatisiertes Konstrukt städtischer Konzernverwaltung.
Und das bundesweit durch die Arbeitsmarktreform verpflichtend eingeführte Qualitätsmanagement sorgte mitnichten dafür, die Bildungsqualität zu verbessern, sondern reduzierte (bis heute) Bildungs- und Entwicklungszeiten für und mit den Teilnehmenden zu Gunsten digital kontrollierbarer Dokumentationssysteme auf ein Minimum.
Das oberste und herausragende Ziel der Einrichtung war nicht mehr, inhaltliche und methodische Qualität zu sichern, Bildungsabschlüsse zu generieren und jenen die meiste Förderung zuteil werden zu lassen, die sie am nötigsten brauchen, sondern Menschen so schnell und kostengünstig wie möglich aus der Arbeitslosenstatistik zu entfernen.
Die betriebliche Entwicklung spiegelte damit gleichzeitig die Schwerpunktverschiebung der aktiven Arbeitsmarktpolitik von einer vorsorgenden und fachkräftesichernden beruflichen Weiterbildung, welche Berufsabschlüsse für Zugewanderte, Gescheiterte und Umzuschulende anstrebte, in Richtung einer Arbeitslosigkeit verwaltenden Strategie, nach der Arbeitslose im Wesentlichen aktiviert und selbst in vermeintlich zumutbare, tatsächlich aber oft prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt gehörten.
Doch im Ergebnis vergrößerte diese Herangehensweise den Niedriglohnsektor, entwertete die Arbeit und degradierte Arbeitslose zu Bittstellern.
Nur wenige Jahre nach der viel beachteten Berliner Rede von Bundespräsident Herzog im Hotel Adlon, in der dieser Bildung als „Schlüssel zum Arbeitsmarkt“ bezeichnet hatte, machte das Unwort von der „Bildung auf Halde“ die Runde von den Beraterkohorten in der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit bis zu den Claqueuren der Berliner Republik, was die Berufliche Weiterbildung nachhaltig entwertete.
Trotz des zunehmenden Drucks der in Arbeitsagenturen, gemeinsame ARbeitsGEmeinschaften (später Jobcenter) und optierende Kommunen bis zur Unkenntlichkeit zersplitterten Arbeitsverwaltung, mehr Aktivierungs-, Trainingsmaßnahmen und Bewerbungstrainings durchzuführen als Bildungsabschlüsse zu verfolgen, fühlte sich ein Teil der Bfz-Belegschaft dem Kern ihrer berufsbildungspolitischen Sozialisation sowie der Bedeutung des Erwerbs und der Erweiterung von Berufsabschlüssen durch Zusatzqualifikationen verpflichtet, und es gelang zumindest zeitweise weiterhin, kreative Akzente zu setzen und Bildungsprozesse zu initiieren, die immer noch ihrer Zeit voraus waren, wenn man die heutigen Rufe nach Fachkräften bedenkt.
Den modellhaften Bildungsprojekten, deren abgespeckte Varianten zum Teil noch heute im Bfz-Programm zu finden sind und bei Teilnehmenden äußerst gefragt waren, fehlte jedoch die politische Unterstützung durch Ministerien und Sozialpartner ebenso wie die Anerkennung der Modellhaftigkeit innerhalb der Förderungsstrukturen der Bundesagentur für Arbeit, welche in den ersten zehn Jahren nach den Hartz-Reformen nahezu ausschließlich auf Marktkräfte, Wettbewerb und schnelle Vermittlung setzte. Sie kamen folglich in ihrer Modellhaftigkeit als „unprofitabel“ unter die Räder des externen wie auch des betriebsinternen Wettbewerbs.
Zwanzig Jahre nach Hartz bietet die Bfz GmbH noch immer Umschulungen und Berufsabschlüsse an, wenn auch nur ein Viertel derer der 90er Jahre, und ist tatsächlich seit etlichen Jahren auch wieder ein tarifgebundenes Unternehmen, wenn auch im Haustarif weit von den Regelungen des öffentlichen Dienstes (TvöD) entfernt; das ist mehr als man von einem Unternehmen nach einer derartigen Rosskur erwarten kann.
Selbst in der Bundesagentur hat man die damaligen Fehler angesichts der Fachkräftediskussion ansatzweise erkannt, doch für den Erhalt eines Modellzentrums war es ebenso zu spät wie für die Rückkehr zu einer an den Bildungs- und Förderungsbedarfen der Einzelnen und der Gesellschaft orientierten beruflichen Erwachsenenbildung, in der die Umschulung längst zu einer verkürzten überbetrieblichen Erstausbildung für Erwachsene ohne Abschluss geworden ist.
Die Orientierung an den Bildungsbedarfen der Zukunft jedoch erfordert eine bildungspolitische Weichenstellung, die durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen ergänzt wird und ‚Angebote‘ verhindert, die sich an Profitabilität und nicht an der Förderung von Berufsabschlüssen orientieren.
Zudem gilt auch in der beruflichen Erwachsenenbildung, was schon in der allgemeinbildenden Schule bekannt ist, aber nach den Ergebnissen vieler PISA-Studien auch dort sträflich vernachlässigt wird: Besondere pädagogische Anstrengungen sind besonders da nötig, wo der größte Förderungsbedarf besteht.
Studien des Forschungsinstituts iab der Bundesagentur für Arbeit haben wiederholt belegt, dass diejenigen die größten Chancen auf Förderung haben, die sich auf einem Weiterbildungsmarkt am besten zurechtfinden, auf dem private profitorientierte und nominell gemeinnützige, aber privatisiert operierende Bildungsunternehmen sich um Anteile am milliardenschweren Förderkuchen der beruflichen Weiterbildung streiten.
Es setzen sich also auf Seiten der Teilnehmenden diejenigen durch, welche die Förderung am wenigsten nötig haben, aber sich am besten „verkaufen“ können.
Doch die Umschüler von heute müssen statt mit einem am Arbeitslosengeld bemessenen Unterhaltsgeld (wie noch in den 90er Jahren) während ihrer zweijährigen Berufsausbildung in der Regel mit der Grundsicherung, dem heutigen Bürgergeld, auskommen, es sei denn sie gehören zu den wenigen, die sich bereits einen Anspruch auf das lohnbezogene Arbeitslosengeld (ALG1) erworben haben.
Die Lehr- und Ausbildungskräfte der Bildungsunternehmen (gemeinhin Bildungsträger genannt, um jeglicher Verwechslung mit Institutionen für Bildung wie Schulen vorzubeugen) konnten erst knapp 10 Jahre nach Hartz auf einen allgemeingültigen Mindestlohn bauen, der freilich auf dem Niveau von Hilfsarbeitern am Bau lag.
Bis heute gibt es nicht mehr Tarif als diesen Mindestlohn, der zwar mittlerweile (ab 2026) auf über 20 Euro pro Stunde angestiegen, aber zum Durchschnittslohn für studierte Lehrkräfte und Ausbilder auch nach Jahrzehnten Dienstzeit geworden ist, wenn sie denn überhaupt das Glück haben, angestellt zu sein, denn noch immer arbeitet (trotz Lehrermangels an staatlichen Schulen) ein Großteil der Lehrkräfte in der Weiterbildungsbranche auf Honorarbasis.
Da es aber trotz jahrelanger Bemühungen der Gewerkschaften ver.di und GEW nicht gelungen ist, einen über den Mindestlohn hinausgehenden und allgemeingültigen Tarifvertrag abzuschließen, bleiben Verwaltungskräfte von Mindeststandards ebenso ausgeschlossen wie Lehrkräfte, wenn es um Erfahrungsstufen oder die Frage geht, wie viele Stunden Lehre eine Vollzeitkraft ausmachen. Die Teilzeitquote ist daher vergleichsweise hoch, selbst wenn der Unterrichtsaufwand dieser Angestellten bisweilen höher ist als bei vollzeitbeschäftigten, verbeamteten Lehrkräften an Schulen.
Die Profiteure dieses Systems sind auf Unternehmensseite zu finden: Es sind Privatunternehmen, die einerseits als Bildungsträger mit gemeinnützigen, öffentlichen und halbstaatlichen Bildungsanbietern in ruinösen Wettbewerben zu Lasten der Mitarbeitenden konkurrieren, die allzu häufig über Jahre in prekären Beschäftigungsverhältnissen verharren.
Andererseits sind es profitorientierte (und nicht selten mit privaten Bildungsanbietern vernetzte) Zertifizierungsinstitute, die als sogenannte fachkundige Stellen von der Bundesagentur für Arbeit zugelassen sind und den kompletten Marktzugang zum – milliardenschwer aus öffentlichen Mitteln der Steuer- und Beitragszahler finanzierten – Weiterbildungsmarkt kontrollieren, weil kein Anbieter in der Lage ist, Bildungsgutscheine der Arbeitsagenturen und Jobcenter einzulösen, ohne als Träger sowie mit jeder einzelnen Bildungsmaßnahme zertifiziert zu sein.
Diese Bildungsangebote werden jedoch nicht mehr – wie einst im Berufsförderungszentrum – gemäß ihrer Verortung im System der Beruflichen Bildung als anerkannte Ausbildungsberufe zertifiziert, sondern auf Basis eines vermeintlichen, aber kaum zu kontrollierenden Bedarfs am Arbeitsmarkt, was das Marktangebot gänzlich unübersichtlich macht und Berufsabschlüsse entstehen lässt, die schick klingen, aber keine sind.
Selbst die (eigentlich) nicht profitorientierten staatlichen und gemeinnützigen Einrichtungen, die zum Teil im Eigentum von Wohlfahrtsverbänden, Vereinen, Kirchen, Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen sind, haben sich wie das Bfz im Zuge der Marktorientierung in Unternehmen – meist GmbHs – verwandelt, konkurrieren miteinander um staatliche Gelder und leisten sich nicht selten Geschäftsführungen, die sich – wie in vielen ausgegliederten kommunalen Unternehmen – mit ihren oft außertariflichen Gehältern, Pensionsregelungen und Dienstwagen mit Ministern messen können.
An dieser Stelle schließt sich der Kreis der Entwicklung des Bfz mit meiner eigenen Berufsbiografie, denn ich verlor meine Arbeit nach 21 Jahren Betriebszugehörigkeit durch eine gezielte Indiskretion wegen einer kritischen Äußerung über ein nicht nur aus meiner Sicht untaugliches und überteuertes online-Testverfahren zur Berufsorientierung.
Eine junge, ebenso ehrgeizige wie hinterhältige Mitarbeiterin des örtlichen Jobcenters hatte in einer Informations- und Diskussionsveranstaltung, zu der ich als Leiter des örtlichen Berufspsychologischen Dienstes eingeladen hatte, meine Kritik an besagtem Testverfahren nicht in der anschließenden Diskussion selbst hinterfragt oder kritisiert, sondern nach der Veranstaltung über einen außerdienstlichen Kontakt an die Geschäftsleitung meines Arbeitgebers kolportiert.
Der mit Ministerialgehalt ausgestattete Vorstandsvorsitzende des nunmehr kommunalen Bfz hatte wiederum einen Deal veranlasst, eben dieses Testverfahren dem örtlichen, ebenfalls kommunalen Jobcenter zu verkaufen, welches sich deutliche Einsparungen im personalintensiven Beratungsaufwand erhoffte, was sich jedoch später als Trugschluss erweisen sollte.
Ohne es zu ahnen, hatte ich ein Geschäft gestört, das darin bestand, dass ein kommunales Unternehmen einem kommunalen Jobcenter für eine hohe sechsstellige Summe aus Steuergeldern ein untaugliches Produkt verkauft. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.
Doch die folgende Abmahnung wegen geschäftsschädigenden Verhaltens stillschweigend zu akzeptieren und mich für den vermeintlichen Fehler zu entschuldigen, war meine Sache nicht, denn ich sah mich nicht nur im Recht, nicht zuletzt wegen einer mindestens halben Million Euro öffentlicher Gelder, die weitgehend nutzlos verschwendet wurden.
Ich hatte es sogar als meine Pflicht angesehen, die Beratungsfachkräfte des Jobcenters zu warnen, dass die Ergebnisse der Tests nicht das hervorbrachten, was ihnen offenbar versprochen worden war, denn die Fehlerhaftigkeit der aus den Tests resultierenden Prognosen und der anschließende Beratungsaufwand hatten sich bei etlichen Einzelfallbetrachtungen im Psychologischen Dienst als extrem hoch erwiesen.
Eine abweichende Meinung im eigenen Haus zu akzeptieren, ist an vielen Arbeitsorten, öffentlich oder privat, für die jeweilige Führungsriege keineswegs selbstverständlich; und so ist es wohl auch in unserer freien Welt leider die Regel und nicht die Ausnahme, aus Sorge um den eigenen Arbeitsplatz und den potenziellen Wohlstandsverlust, den jeweiligen Vorgesetzten nach dem Mund zu reden, statt eine kritische Haltung einzunehmen, wenn es angebracht und erst recht, wenn deren Verhalten gesetzwidrig ist.
Entsprechend dürftig war die kollegiale Unterstützung vom eigentlich genau dafür zuständigen Betriebsrat. So musste ich also wohl oder übel im Alter von 55 Jahren mit einem vor dem Arbeitsgericht erstrittenen warmen Händedruck den Weg in die Arbeitslosigkeit antreten, aus der herauszukommen ich in den Jahren zuvor viele Menschen beraten hatte.
Zehn Jahre nach meinem erzwungenen Abschied aus dem Bfz, habe ich zu einigen Kolleginnen und Kollegen noch Kontakt, mit denen ich gemeinsame Jahre an einem Ort verbringen durfte, der so viel mehr war als ein Arbeitsplatz. Und auch für diejenigen, die noch heute bis zur Rente ihren Dienst dort tun und Menschen zum Berufsabschluss verhelfen, freue ich mich.
Persönlich bin ich trotz finanzieller Einbußen bei Weitem nicht so tief gefallen, wie viele derer, die jenseits der fünfzig ihre Arbeit verlieren und trotz angeblichen Fachkräftemangels keine Chance mehr bekommen. Ich sehe daher auch heute noch keinen Grund, Entscheidungen zu bedauern, die ich auf meinem Weg getroffen habe.
Fehlentwicklungen gibt es indes viele zu bedauern. Die Geschichte des Bfz im Kleinen und der SPD im Großen zeigt, dass dies keine nostalgische Verklärung ist. Ein Blick in die Gegenwart bietet traurige Bestätigung:
50 Jahre nach Willy Brandts Besuch in Essen, will die sozialdemokratische Innenministerin in „EU-Solidarität“ die Außengrenzen weiter abdichten, während fast zwei Millionen bereits Zugewanderte in ungesichertem Aufenthaltsstatus verharren, statt Ziel einer Berufsbildungsoffensive zu sein.
Die grüne Außenministerin und der sozialdemokratische Arbeitsminister tingeln durch die Welt, von Tunesien bis Brasilien, und bewerben Fachkräfte nach Deutschland zu kommen. Ihre Werbebotschaft „Make it in Germany“ gibt es seit mehr als 10 Jahren, allerdings mit bescheidenem Erfolg gemessen an dem in Presseerklärungen, Reportagen, „Studien“ und Talkshows ausgerufenen „Fachkräftenotstand“, ohne den in Deutschland kein Tag vergeht.
Die Bundesagentur für Arbeit gibt im Mai 2025 wie alljährlich die einzige auf umfassenden und amtlichen Zahlen beruhende, fundierte Analyse zum Mangel an Arbeitskräften heraus. Von der hört man indes in Talkshows nichts. Die jüngst verfasste „Engpassanalyse“ zum Jahresende 2024 kommt nämlich wie alle Berichte in den Vorjahren zu dem Schluss, dass es “keine Belege für einen allgemeinen Arbeitskräftemangel” gebe, jedoch zeige sich auf dem Teilarbeitsmarkt für Fachkräfte “eine starke Verknappung, was sich in einer dreistelligen Zahl an Engpassberufen widerspiegelt.“[ii]
Der Notstand ist also bei Lichte betrachtet eine Verknappung, mit anderen Worten: Die Arbeitgeber können besonders bei Fachkräften nicht mehr aus Dutzenden oder gar Hunderten von Bewerbungen wählen und müssen länger warten, bis Arbeitsplätze neu besetzt werden können.
Das kann auch schon mal teurer werden, obwohl die Verknappung anders als beim Gas oder Öl eben nicht dazu geführt hat, dass der Preis für die Arbeit durch die Decke geht. Die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns auf 12€, die mehr als sechs Millionen zugutekam, hat bereits 2022 gezeigt, wie groß der Niedriglohnsektor in Deutschland ist und dass er nicht nur aus Ungelernten besteht.
Das ist keine neue und erst recht keine überraschende Erkenntnis, wenn man sich die Engpassberichte der Arbeitsagentur aus den Vorjahren ansieht, genauso wenig wie die Tatsache, dass Jahr für Jahr weniger Ausbildungsplätze angetreten und Berufsabschlüsse bestanden werden. Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge sank binnen 15 Jahren von über 600.000 auf 475.000 im Jahr 2024, die Berufsabschlüsse gingen binnen 12 Jahren um 100.000 auf unter 340.000 zurück.[iii]
Ein Gesellschaftsverständnis, wie es zu den Bildungsreformen vor einem halben Jahrhundert geführt hat, würde uns mehr als guttun.
[ii] Bundesagentur für Arbeit, Statistik/Arbeitsmarktberichterstattung, Berichte: Blickpunkt yArbeitsmarkt – Fachkräfteengpassanalyse 2024, Nürnberg, Mai 2025, S.6
[iii] Quelle: BiBB dazubi Datenerhebung, Stand: Dezember 2025
© Reiner Siebert, update DEZ 2025