
Sprachen haben mich von klein auf fasziniert, zunächst ihre Melodien, ihre Wörter und die teils zungenbrecherische Aussprache, und später, als ich selbst Englisch, Französisch und Spanisch lernte, auch Schriftsprache und Satzbau, besonders aber der Ausdruck kultureller Identität, die allen Sprachen innewohnt. Selbst in der Gebärdensprache ist das so, die manche als bloße Ergänzung zur Lautsprache abwerten, ohne zu ahnen, wie falsch sie damit liegen.
Mitte der 90er Jahre veröffentlichte der amerikanische Wissenschaftler Steven Pinker ein vielbeachtetes Buch mit dem Titel The Language Instinct – der Sprachinstinkt. Die Lektüre dieses Buches fesselte mich damals wie ein Krimi. Pinker stellte auf Basis seiner Forschungsergebnisse die These auf, dass jeder gesund geborene Mensch eine angeborene Veranlagung für die Struktur einer Sprache mitbringt, eine Art Grammatik-Gen.
Seine Theorie basierte u.a. auf einer Langzeitbeobachtung von gehörlosen Kindern, deren hörende Eltern die Gebärdensprache studiert hatten, um mit ihren Kindern sprechen zu können. Die Kinder lernten also Gebärden als Muttersprache ausschließlich von ihren Eltern, die das Gebärden selbst nur wie eine Fremdsprache mittelmäßig beherrschten. Pinkers beeindruckende Entdeckung war, dass die Kinder im Alter von 3-4 Jahren weniger Fehler machten und die Sprache besser beherrschten als ihre Eltern, von denen sie sie gelernt hatten.
Könnte es einen besseren Beweis dafür geben, dass unsere Sprache eine Gottesgabe ist?
In jeder Sprache gibt es Wörter, die mir besonders gut gefallen, und die man nicht übersetzen kann, sondern erklären muss. Oftmals sind dies Wörter, die nicht alltäglich sind, die zu einer besonderen Situation oder Stimmung gehören. Viele der deutschen Wörter, auf die das zutrifft, stehen in der Bibel und sie wurden vermutlich durch Martin Luthers Bibelübersetzung dauerhaft in unseren Köpfen verankert.
Wohlgefallen und Barmherzigkeit sind zwei davon, denen für mich ein besonderer Zauber innewohnt. Beim Wohlgefallen liegt es zweifellos daran, dass es als Höhepunkt der Weihnachtsgeschichte und auch in der Liturgie die Christen unter uns von kleinauf begleitet hat:
Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Selbst die inzwischen aus der Kirche Ausgetretenen kennen den Vers vermutlich im Schlaf. Für mich als Kind war der Zauber natürlich mit Weihnachten verbunden, doch auch später, als ich älter wurde und mein Denken politischer, hielt der Zauber an.
Den Menschen ein Wohlgefallen, das hieß für mich, allen geht es gut, wenn und weil Frieden ist. So war diese Weihnachtsbotschaft mir immer eine Friedensbotschaft; wie nötig wir sie brauchen, wird uns dieser Tage immer wieder schmerzlich bewusst.
Der Zauber des Wortes Wohlgefallen rührt aber auch daher, dass wir es nicht im Alltag benutzen, es hat dadurch etwas Märchenhaftes. In den anderen mir bekannten Sprachen ist das nicht so, sondern in den meisten englischen, spanischen oder französischen Bibelübersetzungen ist von good will, buena voluntad oder bonne volonté die Rede. Das sind nicht nur gebräuchliche Alltagswörter, sondern sie haben auch alle den guten Willen statt des Wohlgefallens im Sinn.
Meine sprachliche Neugier diesbezüglich wurde vor einigen Jahren geweckt, als ich noch in Essen für die Stadt arbeitete und die ‚Neue Arbeit der Diakonie‘ Essen einer meiner engsten Kooperationspartner war. Wie es sich für eine diakonische Einrichtung gehört, versandte die Neue Arbeit alljährlich Weihnachtsgrüße per Post an Kolleginnen und Kollegen anderer Einrichtungen. In dem Jahr zierte die Karte kein weihnachtliches Motiv, sondern der Vers 14 aus Lukas 2:
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens
las ich eher nebenbei, wie man es bei einer Aufschrift auf einer Karte tut, denn man interessiert sich ja für den Gruß des Absenders, nicht für den Klappentext. Der nur oberflächliche Blick ließ mich dennoch stutzen:
Den Menschen seines Wohlgefallens? Ein Druckfehler? – Wohl kaum! Ich fand heraus, dass es sich um eine neue Bibelübersetzung handelte, doch die hatte nicht nur eine andere Bedeutung.
Ihr fehlte der Zauber, den die Erinnerung an weihnachtliche Kindheitstage ebenso in sich birgt, wie das Gefühl der Geborgenheit, wenn die Mutter auf das aufgeschlagene Knie pustete und tröstete: Es wird schon alles wieder gut.
Den Menschen seines Wohlgefallens, das schien mir nicht für alle, sondern nur für bestimmte Menschen, nicht inklusiv, sondern exklusiv. Ich recherchierte weiter und tatsächlich:
In anderen Sprachen kam das noch drastischer zum Ausdruck: …und auf der Erde Frieden für jene, die Gott liebt, lesen sich sowohl jüngere spanische als auch französische Bibelübersetzungen, während z.B. eine französische Version von 1744 prophezeit, dass Frieden auf Erden und guter Wille in den Menschen sei. Die englische King-James-Bibel von 1611 spricht wiederum vom guten Willen für die Menschen und die Elberfelder Bibel von 1871 betont, dass Gott Wohlgefallen an den Menschen hat.
In den älteren Texten geht es also – linguistisch betrachtet – immer um alle Menschen. Wie kommt es also, frage ich mich laienhaft seit dieser Weihnachtskarte, dass modernere Bibeltexte oft den exklusiven Charakter gerade in diesem berühmten Bibelvers zu betonen scheinen?
Die Schriftgelehrten mögen darauf gewiss fundierte Antworten haben. Die laut Bibelgesellschaft „innovative Bibelübersetzung von heute“, die Basisbibel, löst die Irritation auf ihre Weise, denn dort kommt Gottes Frieden auf die Erde zu den Menschen… Das Wohlgefallen jedoch ist verschwunden.
Luthers Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen wird wohl meine Lieblingsversion bleiben, denn das Wohlgefallen berührt mich so wie die Barmherzigkeit.
Mitten in der Coronazeit hatte ich die Aufgabe übernommen, für den Gemeindebrief einen Text zum Jahresbeginn zu schreiben.
Die Auswahl des Verses Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! (Lukas 6, 36) als Jahreslosung 2021 war schon zwei Jahre zuvor getroffen worden, doch Jesus‘ Aufforderung aus der ‚Feldpredigt‘ schien wie gemacht für die Corona-Zeit, denn Mitleid und Sorge um die Nächsten war das Maß aller Dinge in jenen Tagen, auch wenn es uns oft nicht so vorkam, denn die Unbarmherzigkeit hat ja meist den höheren Nachrichtenwert.
Und so ärgerten wir uns manchmal mehr über diejenigen, die den Mund- und Nasenschutz nicht (richtig) trugen, als uns über jene zu freuen, die es taten.
„Alltagsmasken schützen nicht diejenigen, die sie tragen, sondern die Anderen!“ Das haben uns Virologen damals immer wieder erklärt, Politiker und Medien immer wieder eingebläut.
War die ‚Alltagsmaske‘, die uns zu Beginn der Pandemie in allen möglichen Mustern und Farben begegnete, damit nicht ein modernes Symbol von Barmherzigkeit geworden, wissenschaftlich zertifiziert?
Die kleinen Stücke Stoff, innerhalb eines Jahres für Milliarden Menschen zum Alltag geworden, konnten wir so weltweit als Zeichen sehen: Der Schutz der Anderen, schützt dich letztlich selbst. Barmherzigkeit im Praxistest sozusagen.
Hätte es jemals in der Geschichte eine Botschaft gegeben, die über Religionen, Ethnien, Geschlechter, Kontinente für alle buchstäblich so hautnah zu spüren war? Heute erinnert man sich daran wie an einen schrägen Traum.
Doch mir fiel beim Nachdenken über Barmherzigkeit nicht zuerst Corona ein und auch nicht die Unbarmherzigkeiten, die uns aus vielen Winkeln der Welt täglich als Informationen erreichen.
Mir kam zunächst ein Pressefoto aus dem Sommer des Vorjahres in den Sinn, das – selbst als Nachricht um die Welt gegangen – mir bis heute als Bild präsent geblieben ist:

Da trägt ein Schwarzer Mann einen Weißen – ganz offensichtlich nicht mehr Herr seiner Sinne – über die Schulter gelegt aus einer Menschentraube in Sicherheit.
Eigentlich nichts Ungewöhnliches, hätte es sich bei dem Schwarzen um einen Sanitäter und bei dem Weißen um ein Unfallopfer gehandelt. Doch die beiden waren Gegner während einer Demonstration, bei der die Einen im Gedenken an den von amerikanischen Polizisten ermordeten George Floyd dafür eintraten, das Leben Schwarzer nicht geringer zu schätzen. Die Anderen waren an jenem Tag in London ‚rechtsgerichtete‘ Weiße, die sich den Black Lives Matter-Demonstranten entgegengestellt hatten, um Statuen zu verteidigen, die in ihren Augen ‚Nationalhelden‘ ehren. Für die Schwarzen waren es Denkmäler von ‚Sklavenhändlern‘.
In der aufgeheizten Stimmung dieser Menschenmengen war ein offenbar alkoholisierter ‚Hooligan‘ gestürzt und drohte überrannt zu werden, hätte nicht einer der Schwarzen die Gefahr erkannt, seinen ‚Gegner‘ aus der misslichen Lage aufgehoben, geschultert und auf die Seite der Polizei und der Rettungskräfte getragen.
Die weltweiten Reaktionen auf dieses Bild, selbst jener, die mit Religion nichts am Hut haben und mit dem Wort Barmherzigkeit nichts anfangen können, sagten viel darüber aus, was Barmherzigkeit bedeuten mag:
Freunden zu helfen ist freundlich, aber nichts Besonderes; Fremden oder Gegnern zu helfen, das ist barmherzig!
Jenseits aller Gegensätze, in denen uns das Verstehen manchmal so schwerfällt, selbst wenn wir die gleiche Sprache sprechen, ist das vielleicht die eigentliche Botschaft vom Wohlgefallen für, an oder in den Menschen, die Jahresbotschaft auch nach Weihnachten, von Gaza bis Kherson, von Lampedusa bis zum Rio Bravo.
